Es ist ok auch mal negative Gefühle zuzulassen. Es ist ok sich manchmal vom Leben überwältigt zu fühlen. Es ist ok sich manchmal Gedanken über Dinge zu machen, die eigentlich als eher unwichtig erscheinen. Auch ich muss das lernen, dass es ok ist, dass ich mich manchmal in meinem Körper gefangen fühle, einem Körper den ich nicht gewohnt bin. Denn vor meinem Schlaganfall war ich sportlich, geschickt und kein Berg war mir zu steil – ok doch, aber ihr wisst was ich damit sagen möchte.

Ich fühlte mich, im Nachhinein gesehen, pudelwohl in meinem Körper, obwohl ich immer wieder etwas fand, das ich an mir nicht mochte: „Da sind zu viele Speckröllchen, da sind zu viele Dellen und meine Dehnungsstreifen sind auch nicht schön.“ Ich konnte alles machen was ich wollte, ich konnte Wandern gehen, ohne Angst haben zu müssen, dass mein linkes Bein oder meine Kondition schlapp macht, ich konnte ins Meer raus schwimmen, ohne Angst zu haben, dass mein Körper mich nicht mehr tragen kann. Ich konnte Laufen, ohne Angst haben zu müssen, dass mein Bein müde wird und ich hinfalle. Ich konnte bis morgens halb 5 Tanzen, ohne dass es mir mein Körper am nächsten Tag in sämtlichen Verspannungen meines linken Beines zeigte. Ich konnte bei Konzerten stehen, ohne mir Gedanken darüber machen zu müssen wo die nächste Sitzgelegenheit ist, falls ich schlapp mache. Heute sind mir all diese oben genannten „Schönheitsmakel“ egal, denn ich habe verstanden was für ein Glück man hat, wenn man einen gesunden Körper besitzt.

Ich hatte großes Glück

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich bin irrsinnig froh, dass die Genesung nach meinem Schlaganfall so schnell verlief und ich eigentlich irrsinniges Glück hatte. Dennoch ist es nicht immer leicht mir dies vor Augen zu halten, denn ich kenne die Anna-Sophie vor dem Schlaganfall. Die Anna-Sophie, die sich keine Gedanken darüber machen musste, ob sie beim Boot Camp schlapp macht oder Übungen beim Yoga nicht kann. Die Anna-Sophie, die auch mal einen über den Durst trinken konnte, ohne gleich nicht mehr richtig gehen zu können. Die Anna-Sophie, die mit ihren Nichten und ihrem Neffen im Garten fangen oder Fußball spielen konnte. Die Anna-Sophie, die sportlich über jedes Hindernis hüpfte und nicht schon beim Darübersteigen Probleme hat, weil sie ihr linkes Bein nicht gut heben kann.

Schlechtes Gewissen abstellen

Dann plagt mich das schlechte Gewissen: „Hey, du solltest doch froh sein, dass du schon so weit bist. Du solltest dich glücklich schätzen, dass nicht mehr passiert ist.“ Ja, das weiß ich alles und das tue ich auch, aber in gewissen Situationen klappt das halt nicht so gut und mich überkommt das Gefühl der Wut und Trauer. Das ist ok. Denn auch das ist, wie so vieles im Leben, ein Lernprozess. Ich muss lernen, dass ich diese Gefühle auch zulassen darf. Ich darf wütend sein, dass ich mich in gewissen Situationen meines Körpers nich mächtig fühle. Ich darf traurig sein, dass ich nicht mehr laufen kann, obwohl Laufen mir immer das Gefühl der Freiheit geschenkt hat. Ich darf mich niedergeschlagen fühlen, wenn ich nach kürzester Zeit ausgepowert bin. Darf mich fragen wieso nicht von heut auf morgen wieder alles gut sein kann, wo doch von einem Tag auf den anderen auf einmal alles schlecht war. Aber all diese Gefühle dürfen mich nicht am Weiterkämpfen hindern und mich nicht meine positive Einstellung verlieren lassen und solange das der Fall ist, lasse ich sie gerne zu.

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